le fabuleux destin de shirin



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Ein Wochenende im Sander’schen Lazarett

Als mich Alena für Freitag zu sich in ihre sturmfreie Bude einlud, dachte sie bestimmt, dass sie sich da eine hemmungslose Stimmungskanone ins Haus geholt hatte. Und tatsächlich kam ich auch schon relativ pünktlich, roch ich doch das köstliche, von Alena zubereitete Gratin schon bis nach Ville d’Avray. Die ersten Anzeichen für eine mysteriöse Krankheit zeigten sich schon kurz nach meiner Ankunft. „Nein, danke. Ich möchte nichts essen.“ Und das aus meinem Munde!

 

Abends waren wir bei Katha, um den letzten Abend mit Mailin zu verbringen. Dass ein ausführlicher Bericht hier nur noch nicht verheilte Wunden aufreißen würde, versteht ihr sicherlich. Aber es sei euch gesagt, dass mehr als eine  Träne geflossen ist.

 

Wieder bei Alena angekommen, bin ich sofort ins Bett gefallen. Trotz Mailins Kuschelpullover und Alenas knallroten Schlafsocken war mir arschkalt und ich wälzte mich unter Schmerzen und Stöhnen die ganze Nacht hin und her. Als ich um 5 Uhr nachmittags endlich aufstehen wollte, war ich zwar wackelig auf den Beinen, aber der Belling-Clan hat mich gut versorgt. Gaetane, Alenas 10jähriges Mädchen, hatte mein vollstes Vertrauen, denn sie will nämlich Tierärztin werden und kennt – auch für ganz handzahme Tierchen wie mich – das richtige Hausmittelchen für jede Krankheit. In diesem Fall hat sie mir einen Zitronensaft mit Orangenblüten (?) zubereitet und Eis zum Kühlen meiner erhitzen Stirn gegeben. Alena hat mich mit einem echt deutschen Hagebuttentee verwöhnt.

 

Und schwupps geht es einem wieder richtig gut! Natürlich tut es mir leid, dass ich wie ein lästiger Parasit in Alenas heimeligem Nest hauste, meine höchstansteckenden Bakterien verbreitete und auch noch gepflegt werden wollte. Aber ihr könnt mal wieder sehen, wie groß der Zusammenhalt unter den Au Pairs ist: da meine Familie mal wieder Besuch übers Wochenende hatte und in unserer Miniwohnung vier Erwachsene und acht Kinder anwesend waren, konnte ich mir ausrechnen, dass diese Konstellation nicht zu meiner Genesung beitragen würde. Außerdem hatte ich seltsamerweise mein Einverständnis gegeben, dass „jemand“ in meinem Bett schlafen durfte. Somit konnte ich praktisch gar nicht nach Hause.

 

Bei meiner Rückkehr haben meine Gasteltern vermutet, dass meine „Krankheit“ von einem überdurchschnittlich hohen Alkoholgenuss herrühren (ich war entsetzt! Was für eine dreiste Unterstellung!) und mir verordnet, meine Bakterien für mich zu behalten.

 

Aber meine Laune wurde sogleich wieder aufgehellt. Ich öffne den Kühlschrank und was hängt dort an einem Faden? Ein lustiger Fisch aus Papier! Fand ich natürlich ein wenig seltsam, aber ich ließ mir erklären, dass das der „Aprilfisch“ ist, den man eigentlich ganz diskret an den Rücken einer beliebigen Person kleben muss. Was für ein Aprilscherz! Da muss man in Deutschland wenigstens ein bisschen kreativer werden und sich selbst was ausdenken. Ich werde mich jetzt mal hinsetzen und überlegen, was ich anstellen kann, um dem Kindern dann „avril, avril“ ins Gesicht zu brüllen.
1.4.07 16:26


Footing

„Beim Joggen entspanne ich mich, ich krieg nach einem anstrengenden Tag den Kopf frei und powere mich richtig aus“, sagte der B-Klassenpromi in einem Klatschmagazin und ich glaubte es.

Entspannung. Kopf frei. Endlich nicht mehr unzählige Gedanken machen. Das wärs. Als alter Hase hatte ich nach kürzester Zeit meine Laufschuhe an, Musik in den Ohren und einen unbändigen Elan in meinem stählernen Körper. Footing – ich komme!

(Was sich hier so anhört, als würde ich Shirin Ballack heißen, ist leider nicht ganz wahr. Footing ist der französische Anglizismus für Joggen,  wie ihr euch sicher schon gedachte habt. Wie sagten die Amerikaner eigentlich dazu?)

Bitte nehmt zur Kenntnis, dass ich das nur ausnahmsweise mache, weil mein Tag – im Gegensatz zu den Tagen der Stars – eher chillig war und ich einen Ausgleich brauchte.

Ich walzte also los. Das Abendlicht schimmerte schön auf der Wasseroberfläche der étangs de Ville d’Avray, unseres berühmten Sees. Es war wie Urlaub, die Luft roch gut, das Wasser war so nah und ich so schnell wie ein TGV.

 

Ungeduldig wartete ich auf den Moment, in dem ich denken würde „Mein Kopf ist so frei!“, doch er blieb aus. Enttäuscht musste ich feststellen, dass stattdessen nur weitere kranke Gedanken mein Hirn zu müllten. Ich stellte mir zum Beispiel vor, wie schön es wäre, eine Ente zu sein, eine weiße Ente mit einem sorgenfreien Leben auf diesem idyllischen See. Sicherlich würden täglich betagte Damen kommen, um ihren gefiederten Freunden harte Baguettekrümelchen ins Wasser zu schmeißen.

 

Oder alte Ängste kamen in mir hoch. Da es dämmerte, sah ich den Boden nicht mehr so gut und hatte dauernd Angst, auf einen zerquetschen Frosch zu treten, so wie sie auf unserer Straße manchmal liegen.

 

Zudem kommt natürlich die immerwährende Angst vor den Hundecrottes, die in der Dunkelheit natürlich noch tückischer sind. Zu Hause nahm ich eine erfrischende Dusche und fühlte mich auch wirklich besser. Aber lag das jetzt an den paar Minuten Angst vor Hundehaufen? Oder vielleicht ausschließlich am wohltuenden Nass im heimischen Bad?

Morgen werde ich es wissen. Denn ich glaube ich nehme abends wieder eine Entspannungsdusche. Natürlich ohne vorher zu joggen.

 

2.4.07 21:58


Die einzige und wahre Liebe

Ich habe heute mal vorsichtig nachgehakt, ob die gute Familie gedenkt, nach mir ein weiteres (so perfektes) Au Pair bei sich unterzubringen. Die Mutter hat mich ganz geschockt angeguckt, als ob ich gefragt hätte, ob sie schon die Kakerlaken im Badezimmer gefüttert hätte. „Nein, natürlich nicht!“ Zunächst war ich etwas gekränkt und kam mir mal wieder nicht wirklich gewürdigt vor. Aber der Grund ist – wie sollte es auch anders sein – dass das Appartement zu klein ist, Charles in diesem Zimmer wohnen soll und sie sowie so flexibler mit den Arbeitszeiten sein wird.

 

Eigentlich sehr traurig. Ich werde mich nie mit einem anderen, noch ganz unerfahrenen Mädchen austauschen können. Sie nie in die kleinen Geheimnisse einweihen können.

 

 

Zum Beispiel, dass Aliénor sich unter Umständen weigern kann, von einem Teller zu essen, wenn er nicht gelb ist oder mit einem Löffel, der nicht grau ist.

 

Dass man in der Küche echt alles essen kann, was man findet, ohne, dass es wen stört.

 

Dass man die Kinder schon eine Viertelstunde abholen kann, obwohl man für den Weg vielleicht fünf braucht.

 

Oder dass man die besten Fotos von den Kindern macht, wenn sie heulen.

 

Dass der Bus, der einmal im Jahr hier lang fährt, gerne zu spät kommt.

 

Dass sie unter keinen Umständen im Shopi einkaufen sollte, sondern im Super U. Dass „Tosp“ bei Aliénor „Stop“ heißt und dass sie Angst vor einer russischen Babayaga hat.

 

Dass Charles in Juliette verliebt ist und dass man Gonzague wegen seiner Legasthenie lieber nicht ärgern sollte.

 

Und dass man Blanches Tussigehabe in Anwesenheit ihrer Freundinnen in persönlich nehmen sollte.

 

Dass ich das einzige wirkliche Au Pair in der Familie sein werde, bedeutet natürlich, dass die Kinder nur eine wahre Liebe im Leben kennen lernen werden. Aber wird die Trennung von der einzig Wahren natürlich besonders schwer sein.

 

Aber da müssen sie durch. Fest steht jedenfalls, dass sie mich nicht so schnell vergessen!

 

4.4.07 20:09


La petite flâneuse

Auch hier wird das Wetter wärmer, die Sonne kommt raus, die Leute rennen schon wie im Sommer rum, legen sich an die Seine zum Bräunen.

 

Wenn alle Menschen glücklich sind, gibt’s natürlich einen, der es nicht ist: Shirin!

 

Denn bei Sommer kommt mir nur der Gedanke, dass meine kostbare Zeit in Deutschlands wohl schönstem Nachbarland allzu bald ablaufen wird. Nur noch wenige Wochen und ich bin wieder zurück im Land der Pünktlichkeit und des Schwarzbrotes. Voller Panik blicke ich auf die Liste der noch zu sehenden Sehenswürdigkeiten und stelle fest, dass sie länger ist, als meine Haare jemals wachsen können. Quasi unendlich.

 

Ein Beschluss wurde gefasst: Ab jetzt muss ich Paris viel mehr zu Fuß erschließen, mich promenieren, alles sehen. Flanieren, eben.

 

Wer einfach nur so herumstreift, wird trotzdem immer wieder positiv überrascht. So kann man zufällig am Landwirtschaftsministerium vorbeikommen, vor den Augen eines Polizisten bei rot über die Straße gehen ohne seinen Führerschein abgeben zu müssen oder in einem Blumengeschäft den Rosenduft einatmen, bevor man wieder auf der Straße den Odeur von Hundekacke in der Nase hat.

 

Auch abends kann man es jetzt draußen aushalten, ohne zu erfieren und zu vermuten, dass ein Bad in der Seine sicherlich wärmer wäre, als am Ufer im Wind zu zittern.

 

Da ich selbst eine Großstadt wie Paris eine beruhigendere Wirkung auf mich haben, als vier Schreihälse zu Hause, lasse ich es mir nicht nehmen, mit Alena und Anna an der Seine zu sitzen und über unsere fetten Oberschenkel zu jammern (natürlich mit einem Eis in der Hand). Oder eine halbe Weltreise zu Jessi zu unternehmen, die mich mit einer Einladung zum Guacamole Abend tatsächlich bis nach Antony gelockt hat (dieser schmucke Vorort liegt ungefähr an der spanischen Grenze und ist nur wenige Stunden von mir entfernt).

 

Es ist alles so, wie es sein sollte, oder?

 

6.4.07 16:14


Rentiert sich ein Au Pair? Eine Kalkulation

Mein genialer Plan, am Freitagabend zu Hause zu bleiben, wurde durch ein verlockendes Angebot durchkreuzt.

 

„Möchtest du bei meiner Freundin babysitten?“, fragte meine Gastmutter. Zugegebenermaßen eigentlich gar nicht verlockend, höchstens des Geldes wegen. Aber ich sagte zu, gelte ich doch als allzeit bereit.

 

Wenigstens wurde ich mit dem Auto abgeholt und musste nicht mit dem Zug nach Saint Cloud fahren und selber ihr verstecktes Heim suchen.

 

Kaum waren die Eltern weg und die vier Kinder (diese Anzahl verfolgt mich) im Bett, setzte ich mich ins Wohnzimmer und chillte.

 

Mein Blick schweifte aus dem Fenster und fast hätte ich mich an den Leckereien, die ich aus der Küche nehmen durfte verschluckt. War ich im Delirium? Eine Fata Morgana?

 

Nein, die Familie hatte tatsächlich vom Balkon einen Blick auf den Eiffelturm! Fasziniert stellte ich meinen Sessel so hin, dass ich beim DVD gucken immer mal ein Auge auf den leuchteten Turm in der Ferne werfen konnte.

 

Die Kinder waren übrigens extrem leicht zu handhaben. Selbst das Baby, das einmal anfing zu heulen, beruhigte sich so schnell wieder, dass ich nicht mal die Zeit hatte, zu seinem Zimmer zu gehen. Was nicht an meiner Faulheit lag!

 

Die Familie mit der geilen Wohnung und dem perfekt ausgestatteten Kühlschrank, dem wunderbaren Ausblick und dem fetten Auto teilte mir auch noch mit, dass sie auch gerade ein Au Pair suchen.

 

Fast hätte ich gesagt „Euer Traum steht direkt vor euch“, aber sie suchen natürlich ein Au Pair ab Sommer. Da hat meine Gastfamilie noch mal Glück gehabt.

 

Übrigens: Für den gleichen Betrag, den mir diese Familie für den einen Abend gab, arbeite ich volle drei Tage in der Gastfamilie. Ist das jetzt viel oder wenig?

 

Ich habe mich ohnehin schon immer gefragt, ob sich ein Au Pair wirklich lohnt. Es ist ja klar, dass da nicht nur das Au Pair Gehalt (bei so geringen Beträgen sprechen die Agenturen auch korrekterweise von Taschengeld) auf einen zukommt. Natürlich muss man auch berechnen, dass die jeune fille eine Karte für den öffentlichen Nahverkehr haben will, morgens nur bestimmte Corn Flakes zu sich nimmt, ununterbrochen Nahrung aufnimmt, die Kinder im TGV in den Urlaub begleitet, gerne ausgiebige Bäder nimmt und so wie so den ganzen Tag im Internet surft, Fernsehen guckt oder zumindest Strom, Wasser und Gas verschwendet.

 

Das alles nur, damit jemand die Kindern zum Tennis, Schwimmen, Katechismus, Zeichnen, Fechten bringt, die Kinder zur Schule zerrt, den Boden wischt, bügelt und den Kleinen beim Essen zuguckt.

 

Eigentlich doch ganz lohnenswert. Jede Sekunde, die man das Kindergeschrei nicht ertragen muss, ist, wenn man es genau überdenkt, wirklich Gold wert.

 

Wie anstrengend diese ganze Chose doch sein kann, merkt man, wenn man Zeit zum Ausruhen hat. Heute bin ich echt bis mittags nicht aus dem Bett gekommen und heilfroh, dass meine Familie endlich in den Urlaub gefahren ist. In dieser Wohnung allein zu bleiben, ist gerade eine ganz neue Erfahrung von Freiheit.

 

Dreisterweise* hat die Familie wirklich fast ALLES an Essen mitgenommen, was es in diesem Hause gibt. Im Kühlschrank findet sich nichts, was nicht gammelig, matschig oder an sich schon widerlich ist.

 

Aber da ich ja morgen hohe Besuch von meiner Mama erwarte, kann ich schon mal verraten, dass ich einkaufen war und ein paar kleine Leckereien mitgebracht habe.

 

Möglicherweise werde ich meine treuen Blogleser in der nächsten Woche ein wenig vernachlässigen müssen, was sie sicherlich verstehen werden. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

 

Und die Ferien vergehen immer viel zu schnell, ihr werdet sehen: auch diese kurze Zeit werdet ihr ohne Informationen über mich locker durchstehen.

 

Frohe Ostern!

 

7.4.07 18:12


Das lustige Leben

Um ein Haar hätte ich vergessen, dass ich ja einen Blog habe, so lange hab ich schon nichts mehr geschrieben.

Aber wie ihr ja alle wisst, war meine Mama für eine ganze Woche in meiner bescheidenen Herberge eingeladen.

Um ein wirklich lustiges Leben in Paris zu führen, sollte man zunächst sicherstellen, dass die Gastfamilie verreist. Kein Problem, am Samstagmorgen fuhren alle in Richtung Küste, im guten Gewissen, dass das wunderbare Au Pair die Wohnung hüten würde.

Dieses Mal hatte die Familie die Wohnung relativ sauber hinterlassen, was sie aber nicht daran hinderte, pünktlich zu ihrer Abfahrt den Kühlschrank zu plündern und mich praktisch ohne Essen im Haus zu lassen.

Wütend musste ich von meinem frugalen Taschengeld ein paar vitaminreiche Grundnahrungsmittel selber erstehen, schließlich sollte meine Mama sich ja auch hier wohl fühlen. Aber schon bald siegte die Vorfreude und ich trat am Sonntagabend den langen, beschwerlichen Weg zum Orly Flughafen an. Tatsächlich war ich nach nur fünf Stunden samt Mama und ihrem Hundert-Kilo-Gepäck zurück in VdA. Wir entschlossen uns, dass die vor uns liegende Woche mit einer ordentlichen Mütze Schlaf beginnen sollte.

Am Montagmorgen wurde zunächst erstmal die Carte Orange, die Fahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr besorgt und schon düsten wir mit RER, Zug, Metro und Bus durch die ganze Ile de France.

Selbst ich kam während der Woche an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit, da wir wirklich einige Kilometer zu Fuß zurücklegten. Dank meiner professionellen Reiseführertätigkeit sahen wir unter anderem den Louvre, die Grande Arche de la Défense, das Judenviertel, das Quartier Latin, St. Germain des Prés, Paris von der Seine aus, Versailles, Montmartre, Montparnasse und nicht zuletzt (bzw. doch zuletzt) die berühmten Etangs de Ville d’Avray.

Es blieb allerdings auch immer genug Zeit zum Chillen, sei es am Seineufer, auf der erstbesten Bank oder ausgestreckt im Bettchen daheim.

Außerdem muss ich sagen, dass Mama sehr schnell den Esprit der Au Pairs aufgenommen hat: Hauptsache Essen! Besonders Eis stand in dieser Woche auf dem Speiseplan. Ich hatte zum freudigen Anlass eine ein Literpackung La Laitière Eis gekauft, in der Rue Mouffetard konnten wir nicht an Häagen-Dasz vorbeigehen und auf der Ile de la Cité mussten wir einfach auch mal das Berthillon-Eis probieren. Es waren ja Ferien, man gönnt sich ja sonst nix.

Der Gastvater war der Erste, der wieder zurück in die Wohnung kam und täglich fünf Stunden eher als wir aufstand, um zur Arbeit zu gehen.

Immer noch ein bisschen wütend, weigerte ich mich zunächst, ihm etwas von unserem leckeren Salat, Eis oder ÜBERHAUPT irgendetwas vom Essen abzugeben. Was denkt sich diese Familie? Dass sie einfach in den Urlaub fahren kann und ich sorge schon, dass der Kühlschrank voll wird? Und was denkt sich der Vater beim Einkauf? Dass eine Flasche Cola und eine Packung Lachs wirklich das Einzige ist, was in diesem Kühlschrank gefehlt hat?

Aber der deutsch-französischen Freundschaft wegen durfte er mal von unserem gesunden Salat kosten, wofür er uns auch gleich am nächsten Tag zu seiner Reispfanne einlud.

So ergab es sich wenigstens, dass wir alle zusammen ein paar Sätze austauschten und der Vater gegen Ende der Woche anbot: „Ich kann euch zum Flughafen mit dem Auto fahren, wenn ihr wollt.“

Und wie wir wollten! Wirklich dankbar stiegen wir ins Auto, der gute Gastvater hatte noch mal geradeso die Kurve geschafft, um sich doch noch beliebt zu machen.

Der Abschied von meiner Mama war kurz und doch traurig. Aber wie wir richtig feststellten: Wir sehen uns ja bald wieder…

16.4.07 22:31


Die Schneckentheorie


Ich erfreue mich immer noch an meinen letzten Urlaubstagen, das Wetter ist sommerlich und verleitet einen dazu, sich dementsprechend anzuziehen.


Seit Mamas Abreise sah ich mich nicht in der Lage, alleine bzw. mit Gasteltern, die abwechselnd arbeiten oder sich in ihrem Zimmer einschließen, in der Wohnung zu sein. Meine Rettung war natürlich Alena, die auch von ihrer Gastfamilie mit einem leeren Kühlschrank zurück gelassen worden war.

Da wir bis spät in die Nacht tiefgründige Gespräche führten und gewagte Theorien aufstellten (siehe Titel, Erklärung folgt später), kamen wir nicht vor mittags aus dem Bett und somit vor vier Uhr nachmittags in Paris an.

Selbstverständlich hatten wir uns wieder mal eine Attraktion ohne gleichen ausgesucht: Die (welt-?)-berühmte Foire du Trône lockte uns ans andere Ende von Paris.

Für alle, denen dieser Begriff nichts sagt: Es handelt sich um eine Art Rummel, der jährlich im Bois de Vincennes, einem der beiden Stadtwälder, stattfindet.

Natürlich sollte der gemeine Franzose an einem Montagnachmittag gefälligst arbeiten, aber ein paar schwarze Mitbürger hatten sich trotzdem auf dem Gelände eingefunden.

Verglichen mit dem Jahrmarkt in Wolfsburg oder sogar mit dem Schützenfest in Gifhorn, fand ich die Preise ausnahmsweise mal relativ human. Allerdings waren die richtig coolen Sachen dann doch eher überteuert.

Man konnte zum Beispiel wie Superman in einer Art Schlafsack, der an einem Seil befestigt war, durch die Luft fliegen. Für 10 Euro versteht sich. Son Schwachsinn.

Für deutlich weniger Geld sind Alena und ich aber mit der „Geister“bahn gefahren, die schon die gute alte Amélie Poulain bestieg. Während der zehn Sekunden Fahrt wurden wir durch verschiedene, total unnaturalistische Plastikfiguren „erschreckt“ und ich dachte schon, so ein Kack hier.

Allerdings hatte ich nicht mit dem Angst einflößenden Scream Mann gegen Ende des Horrortrips gerechnet. Plötzlich schnellte er aus der Dunkelheit hervor und jagte mir einen Mordsschrecken ein, indem er fast meinen Arm abriss. Oder zumindest meinen Oberarm betatschte. So stieg ich dann doch mit zittrigen Knien aus dem unbequemen Wagen und fand, dass sich dieser Spaß mal gelohnt hätte.

Wenn ich aber länger darüber nachdenke, ist es eigentlich eine Frechheit. Wer den berühmten Améliefilm gesehen hat, weiß nämlich, dass sich das „Monster“ ganz sanft von hinten anschleicht und zärtlich „huhhhhhh“ haucht, bevor es den Fahrgästen liebevoll die Wange streichelt. Man wird echt immer noch über den Tisch gezogen.

Natürlich ließen wir es uns nicht nehmen, den bois, also den Wald hinter dem Rummel, ein wenig zu erkunden.

Auch heute zog es uns wieder ins Grüne, nämlich in den anderen Wald, den Bois de Boulogne.

Bitte stellt euch das nicht wie einen richtig deutschen Eichenwald vor, sondern eher wie eine Grünfläche mit Seen und Pflanzen, die überall von Straßen durchzogen ist.

Falls ihr dem Irrtum erliegt, dass Alena und Shirin über Nacht zwei Naturmadeln geworden sind, möchte ich an dieser Stelle die derzeitige Aussicht auf Paris schildern.

Wenn ich mit meinem altbekannten Vorortzug Richtung La Défense düse, genieße ich für gewöhnlich eine ausgezeichnete Sicht auf den Eiffelturm, das Sacré-Coeur, den Triumphbogen, die ganze Stadt.
Wenn ich vorher bei strahlendem Sonnenschein aus dem Haus gegangen war, wird die Hoffnung auf gutes Wetter in Sekundenschnelle zunichte gemacht: der Eiffelturm steht in einem grau-pekigen Dunst.

In Zeiten des Klimawandels schimpft man auf die Autofahrer (ICH fahre ja mit öffentlichen Verkehrsmitteln!) und auf Flugzeuge. Aber es hilft alles nichts: die Luft in Paris ist unangenehm, es ist schwül, man sitzt unter der Käseglocke. Ab ins Grüne.

Sicherlich fragt ihr euch schon die ganze Zeit, wie eine Schnecke in diese Problematik passt. Ich will es gerne erklären:

Es gibt mehrere Gründe, warum die Schnecke und nicht der Hahn, das Emblem Frankreichs werden sollte.

Die Franzosen essen Schnecken, was bedeutet, dass sie sie auch lieben.

Paris ist schneckenförmig in zwanzig Arrondissements unterteilt, wodurch die Schnecke eine ästhetisch-architektonische Dimension annimmt.
Ob Franzosen schleimen können, wie eine Schnecke, wage ich nicht zu behaupten.

Aber was man bei den Franzosen dennoch feststellen kann: sie leben sorglos ins Leben hinein, beginnen dies, beginnen das, ohne Planung, ohne Ordnung, ohne einen Gedanken an Konsequenzen.
Wie eine Schnecke, die durch den Wald kriecht und denkt „Oh, ein Blatt. Da beiß ich mal rein…“

Da lobe ich mir die deutsche Ordnung, die Korrektheit und das logische Denken.

Würde ein Deutscher so lange den Kühlschrank leer lassen, bis er denkt „Oh, ich bin schon so dünn, ich könnte bald verhungern, ich sollte besser bald mal einkaufen“?

Würde ein Deutscher eine Tramwaylinie bauen, nur weil sie modern aussieht, dabei aber langsam wie eine Schnecke ist und fast die gleiche Strecke wie der Zug fährt?

Würde ein Deutscher den Ersatzschlüssel seines Hauses seinen Eltern, die mehrere Kilometer entfernt wohnen anvertrauen, obwohl dieser bei den Nachbarn im Notfall deutlich einfach abzuholen wäre?

Nein, natürlich nicht. Aber ein Franzose würde das unter gewissen Umständen durchaus mal geschehen lassen.

Alena hat allerdings die Wurzel des Problems gefunden: Wahrscheinlich gibt es eine bestimmte Art von französischen Schnecken, die den Franzosen wichtige Teile des Gehirns wegfrisst.

Ich habe Angst, dass auch Deutsche von dieser Schnecke befallen werden können.

17.4.07 23:48


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