le fabuleux destin de shirin



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Musik in meinen Ohren

„C’est la honte!“, schrie es gestern in mir, „was für eine Schande!“ Die ganze Woche über bin ich abends zu Hause geblieben, was faktisch bedeutet, dass nichts Aufregendes passiert ist. Wie man vielleicht an meinen Einträgen gemerkt hat.
Der gestrige Tag hat endlich meinem tristen Leben ein wenig Farbe eingehaucht.
Es fing nachmittags mit einem unerwarteten Anruf an. Die Mutter ging ran: „Hallo? … Was? … Nein, das passt mir gar nicht! Hier siehts aus wie im Saustall … Ok, Gonzague holt dich ab!“
Onkel Renaud hatte sich angekündigt, er saß schon im Taxi und war fast vor der Haustür. Was für ein Ereignis muss geschehen, dass ein Mann aus Übersee anreist? Der Geburtstag des eigenen Bruders! Scheiße, heute war besagter Ehrentag meines Gastvaters!
Beschämt, weil ich morgens nicht gratuliert hatte (ich wusste es nicht, aber warum sagt er auch nichts, anstatt mich noch breiter als sonst anzugrinsen?), bügelte ich weiter.
Gonzague kam bald darauf mit Renaud wieder, den Aliénor nicht wieder erkannte. „Kein Wunder! Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du so groß wie ein Schuhkarton“, meinte der Onkel.
Gastmutter und Gastonkel verschwanden daraufhin, um ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen, nachdem noch fix der Geburtstagskuchen aus dem Ofen geholt worden war. Hauptsache, alles ist gut geplant und durchorganisiert.
Fünf Berge Bügelwäsche später kamen sie auch schon zurück. Bescherung für die Kinder war angesagt; der Onkel, der so selten kommt, hatte natürlich auch ein Mitbringsel mitgebracht (Comics, in Geschenkpapier eingepackt, mit einem Sticker von einem Geschäft in St. Cloud drauf – unserem Nachbarort… Wer da wohl noch spontan die Geschenke geholt hat?)
Gegen sieben war auch schon das nächste Ereignis auf dem Tagesplan: spectacle von Gonzague.
Vier Kinder, zwei Eltern, ein Onkel und ein Au Pair pilgerten in die Schule, um eine Aufführung besonderer Art mit zu erleben.
Thema: Umweltschutz. Nicht gerade die Domäne der Franzosen, die weder Mülltrennung kennen, noch den Grünen Punkt. Aber die Kinder drückten in ihren sozialkritischen Texten die Missstände unserer Gesellschaft aus und sprachen wichtige Themen wie Umweltverschmutzung und Wasserverschwendung an.
Mein Lieblingslied dieses Abends wurde von verkleideten Erdbeeren und Zucchini gesungen: „Ich muss zwölf Stunden Flugzeug fliegen, nur damit ihr mich essen könnt! Ich habs satt! Ich weigere mich zu wachsen!“
Die letzte Strophe wurde von einem weisen Jungen interpretiert, der uns mitteilte: „Ich werde deine Saison respektieren und dich nur essen, wenn du hier wächst…“ Herzergreifend.
Leider war ich etwas enttäuscht, dass ich direkt vor dem Schulgebäude nur zehn Minuten nach der Veranstaltung drei fette Müllsäcke erblicken musste. Gonzague hatte mir bereits mal erklärt, dass es sich dabei um die Essensreste aus seiner Kantine handelt. Es gibt noch viel zu lernen.
Gestern war ebenfalls der längste Tag im Jahr, Sommeranfang und Sommersonnenwende, so wie ich das verstanden habe. Traurigerweise konnten wir im St. Sulpice den Gnomom nicht bestaunen (vielleicht erinnert ihr euch an dieses Wunder der Natur? Das, was ich nie verstehen, geschweige denn erklären konnte, mich aber durchaus interessiert hätte&hellip.
Dafür wurde gestern in Paris gefeiert. Nämlich die Fête de la musique, das Musikfest. Angeblich hat das natürlich ein Franzose ins Leben gerufen und dieses Musikfest wird schon in über 130 Staaten gefeiert. Vielleicht habt ihr was davon mitgekriegt?
Hier jedenfalls ging richtig die Luzie ab. Wir sind durch die Straßen gelaufen, bzw. manchmal eher gekrochen. Es waren so viele Leute unterwegs, meist tanzend, dass man teilweise gar nicht vorankam.
An jeder Ecke spielte eine mehr oder minder professionelle Band, in allen erdenklichen Musikrichtungen. Am Quai Mauriac an der Seine qualmten die Sohlen, so gingen die Leute zu Rock’n’Roll ab. An der Bastille zuckten die Menschen zu Electro, andere Musikfans, oft mit Rastazöpfen schwebten zu Reggae. Ich habe sogar eine neue Musikrichtung entdeckt, „World“. Da muss ja für jeden was dabei sein, oder?
Gucken, hören, weitergehen, gucken, es war Sinne betäubend. Eine Stadt im Musikrausch… Wow!
Man sah DJs auflegen, aber auch Bands vor Supermärkten performen. Das ganze Spektakel wäre auf jeden Fall was für Papa gewesen, an den ich fast an jeder Ecke denken musste. „Also diese Band spielt Papamusik. Wollen wir weitergehen?“ J
Dieses eine Mal im Jahr fuhren die Züge, selbst nach Ville d’Avray, die ganze Nacht (natürlich nur einmal die Stunde) und auch die Metrolinien wollten die Nacht zum Tage machen (manche Stationen waren komischerweise trotzdem zu. C’est la France.)
Wir erwischten unseren gewünschten Zug, ergatterten Sitzplätze, was dieses Mal nicht selbstverständlich war und wurden trotz alkoholisierten Mitfahrern nicht mit Erbrochenem in Berührung gebracht. Was auch nicht selbstverständlich war.
Ein bisschen traurig war ich schon, als ich gegen zwei Uhr in meinem Bett lag. Aber kein Grund zur Wehmut. In Deutschland wartet auch schon ein Musikereignis auf mich.
Das Altstadtfest.
22.6.07 20:38
 


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